„Der Boden ist ein wichtiger Partner“

Erfahrungen aus der biologisch-dynamischen Apfelproduktion

 

Maßnahmen zur Bodenbearbeitung dienen in der Regel der Ertragsstabilisierung. Für Dierk Augustin, Obstbauer aus Jork im Alten Land, ist die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit ein wichtiges Betriebsziel. Wir haben mit ihm über seine erfolgreichen Strategien gesprochen, mit außergewöhnlichen Anbaumethoden wirtschaftliche Stabilität zu erzielen.

 

Herr Augustin, was zeichnet einen guten und fruchtbaren Boden aus?

Dierk Augustin Die Pflanzennährstoffe und Spurenelemente sind miteinander im Gleichgewicht. Mir geht es weniger um eine ausreichend vorhandene Menge der Nährstoffe – das Gesamtbild muss stimmen, damit die Pflanze optimal versorgt ist. Der Boden ist – auch in tieferen Schichten – gut durchgelockert und mit einer guten Mischung aus feinen, mittleren und groben Poren durchsetzt, fein krümelig und riecht dank eines aktiven Bodenlebens angenehm erdig. Das Ziel ist, diesen lebendigen Organismus in seiner Komplexität zu erfassen und gesund zu erhalten.

 

Welche Maßnahmen zur Bodenpflege führen Sie in Ihren Obstanlagen durch?

Dierk Augustin Im Frühjahr beginnen wir mit dem Ladurner Kreiselkrümler. Er reißt die Erde oberflächlich auf und arbeitet Gräser und Kräuter ein. Nach Bedarf folgen im Verlauf des Jahres weitere ein- oder zwei Durchgänge. Im späten Frühjahr säen wir in den Baumstreifen eine Pflanzenmischung mit unterschiedlicher Durchwurzelungstiefe aus, die vor der Blüte abgemulcht und zur Aktivierung des Bodenlebens flach in den Boden eingearbeitet wird. Bei jeder Einarbeitung spritzen wir Effektive Mikroorganismen in den Boden, die ein ausgewogenes Bodenleben begünstigen. Bei Bodenverdichtungen kommt ein Untergrundhaken zum Einsatz, der den Pflanzenwurzeln die eigentliche Grundbodenlockerung erleichtert. Ende Mai/ Anfang Juni düngen wir kompostierten Mist mit biologisch-dynamischen beigemengten Präparaten. Im Spätherbst wird der Boden erneut mit dem Kreiselkrümler vollständig von Beikräutern befreit, eine abfrierende Zwischensaat bedeckt den Boden über Winter. Oftmals ist der Boden im Spätjahr zu feucht für eine Bearbeitung, sodass die Sommervegetation stehenbleibt.

 

Welche Veränderungen können Sie in Ihren Böden feststellen?

Dierk Augustin Der tonige Boden bleibt in seiner Körnung und in seinen grundlegenden Eigenschaften erhalten, allerdings bilden sich bei starken Niederschlägen kaum noch Seen auf den Flächen – der Wasserhaushalt ist viel anpassungsfähiger geworden. Ich führe das auf den gewachsenen Anteil grober Poren und auf den Humus zurück. Die Bodenbearbeitung ist leichter geworden. Krusten sind bei Trockenheit weniger hart und lassen sich maschinell leichter aufbrechen. Im Frühjahr erwärmt sich der Boden schneller und gleichmäßiger. Die Farbe ist dunkler geworden, und der Geruch erfreulicher. Bodenbürtige Schaderreger sind durch die Einbettung in ein vielfältiges und ausgewogenes Bodenleben weniger aggressiv. Die Böden scheinen verlässlicher und berechenbarer geworden zu sein.

 

Wie wirkt sich ein gesunder Boden auf Qualität und Ertrag der Äpfel aus?

Dierk Augustin Mit durchschnittlich 35 Tonnen je Hektar liegen wir im normalen Bereich für den Bio-Obstbau. Die Qualität ist anders – Die Äpfel sind fester, sie bestehen aus kleineren Zellen, die einen geringeren Wassergehalt aufweisen. Die Konzentration an Spurenelementen ist höher im Vergleich zu den meisten Äpfeln aus anderen Anbauverfahren.

 

Wie lassen sich ihre Aktivitäten zur Bodenverbesserung betriebswirtschaftlich einordnen?

Dierk Augustin Die genannten Maßnahmen generieren zunächst einen immensen finanziellen und arbeitstechnischen Mehraufwand, der durchaus messbare positive Effekte auf den Betrieb hat – wir haben weniger Kosten im Pflanzenschutz, weil der gesunde Boden die Gesundheit der Bäume fördert. Die maschinelle Tiefenlockerung des Bodens braucht weniger Energie, weil Pflanzenwurzeln hier einen Teil der Arbeit übernehmen. Jedoch ist der Mehraufwand mit den gängigen Marktpreisen nicht auszugleichen. Wir vermarkten 100 % unserer Ernte ausschließlich unter unserem Namen an den Naturkosthandel. So haben wir die Möglichkeit, den Wert unserer sehr eigenen Anbaumethode zu kommunizieren und über die Verkaufspreise die Mehrkosten ein stückweit zurückzubekommen. Der Mehrwert unserer Äpfel liegt nicht primär in ihren Qualitätsmerkmalen, sondern im gesamtgesellschaftlichen Nutzen der regenerativen Landwirtschaft. Von einem Boden mit einem verbesserten Wasserhaushalt profitiert nicht nur der Anbau – langfristig profitiert eine ganze Region, wenn sie die zunehmenden Wechsel von Dürre und Starkregen besser ausgleichen kann. Die Steigerung des Humusanteils im Boden ist eine Möglichkeit, gezielt CO2 zu binden und so dem Klimawandel entgegenzuwirken: Die Steigerung um 1% bindet rund 50 Tonnen CO2 je Hektar. In der Kommunikation mit unseren Kunden arbeiten wir an einer möglichst transparenten Darstellung aller Kosten und Nutzen, die mit dem Kauf unserer Äpfel verbunden sind. Wir sind in Verhandlung mit einem Autohersteller, der ein CO2-neutrales Modell plant. CO2, das sich nicht innerhalb der Herstellungskette neutralisieren lässt, soll durch Humusaufbau auf landwirtschaftlichen Flächen kompensiert werden – ein finanzieller Ausgleich erfolgt über eine zwischengeschaltete Firma vom Autohersteller an die beteiligten Landwirte. Wenn ich über den Tellerrand der wirtschaftlichen Situation des Obsthofes Augustin als Einzelbetrieb hinausschaue, lande ich beim „True Cost Acounting“ – dem Versuch, die Gesamtkosten einer Lebensmittelproduktion zu erfassen, einschließlich aller Kosten, die bis dato automatisch auf die Allgemeinheit umgelegt werden: Einfluss aufs globale Klima, Artenvielfalt, die Zusammensetzung von Nährsalzen im Boden. Die in Hamburg ansässige Firma Soil & More erstellt entsprechende Berechnungsmodelle. Für uns sind diese bislang nur ein interessantes Puzzleteil in der Kommunikation mit unseren Kunden gedacht – langfristig jedoch könnte ein True Cost Acounting weltweit und auch hierzulande stärkeren Einfluss auf sinnvolle und finanziell tragfähige Formen der Landbewirtschaftung haben.

 

Welche Informationsquellen nutzen Sie, um Ihr Wissen über die Bodenfruchtbarkeit zu erweitern?

Dierk Augustin Das Buch „regenerative Landwirtschaft“ von Dietmar Näser hat mir für alle Formen der Landnutzung gute Dienste geleistet. Obstbauspezifisch habe ich das meiste durch eigenes Ausprobieren herausgefunden. Regelmäßiger Austausch innerhalb der Vermarktungs-KG bringt neue Erkenntnisse gut voran. Weiterhin sind es einzelne Personen, auf alle Kontinente verteilt, die sich in ähnlicher Intensität wie wir mit dieser Thematik auseinandersetzen. Hierzulande werde ich zunehmend beratend tätig und arbeite mit dem Landwirtschaftsministerium, mit Universitäten und Stiftungen zusammen. Zu betriebsspezifischen Aspekten der regenerativen Landwirtschaft biete ich auf Anfrage Beratungen, Vorträge und Workshops an.

 

Welche Entwicklungen sehen Sie für die Zukunft – im Obstbau allgemein?

Dierk Augustin Das Höfesterben geht die Branche allgemein an – was einen persönlichen und auch einen gesellschaftlichen Verlust bedeutet: Arbeitsplätze und landschaftliche Vielfalt gehen verloren. Aufhaltbar ist dies, wenn zwischen Landwirten und Konsumenten wieder ein wirklicher Kontakt entsteht. Es genügt nicht, wenn wir Landwirte bezüglich Nachhaltigkeit gesetzliche Vorgaben einhalten. Landwirte, Verbraucher, Politiker und mediale Berichterstatter gleichermaßen – müssen auf einer tieferen Ebene verstehen, wie in der Lebensmittelproduktion ein nachhaltiges Gleichgewicht mit der Natur möglich ist. Ich glaube, dass wir Landwirte langfristig nur im Dialog mit der Natur, mit Verbrauchern und Politikern die emotionale und monetäre Wertschätzung bekommen, die uns und unsere Nachfolger zum Weitermachen motiviert.

 

Interview und Text: Katja Brudermann, info@landwirtschaft-schreiben.de 

Hinweis: Dies ist eine Kurzversion des Interviews, das vollständige Text kann bei Frau Brudermann angefragt werden. 

Fotos: Obsthof Augustin

Weitere Infos zum Thema: Regenerative Landwirtschaft