Obstneuheiten

Geschäftsführerin Sabine Fey im Interview

 

Food Trends. Durch sie wird es kulinarisch nie langweilig. Dabei rücken neue Essgewohnheiten und Lebensmittel in den Vordergrund. Die Artevos GmbH mit Sitz in Freiburg hat es sich zur Aufgabe gemacht Obstneuheiten auf den Markt zu bringen. Was Obstneuheiten genau sind und welche Vorteile sie bieten, erklärt die Geschäftsführerin der Artevos GmbH, Sabine Fey, hier im Interview.

 

Frau Fey, was sind Obstneuheiten?

Züchtungen basieren auf Kreuzung und Auslese

Sabine Fey Als Obstneuheiten bezeichnen wir neue Obstsorten, die durch konventionelle Züchtung entstanden sind, also durch eine gezielte Bestäubung ausgewählter Muttersorten mit Pollen ausgewählter Vatersorten. Hierdurch wird versucht, die günstigen Eigenschaften zweier Pflanzen in einer Neuen gebündelt zu vereinen, so zusagen in deren Nachkommenschaft. So entstehen Obstneuheiten.

 

Wie wahrscheinlich ist es, dass eine solche Kreuzung gelingt?

Züchten erfordert einen langen Atem

Sabine Fey Die Wahrscheinlichkeit ist relativ gering, dass eine Kreuzung auf Anhieb funktioniert. Man hat es durch die jahrhundertealte Methode der Kreuzzüchtung nicht in der Hand, welche Eigen-schaften von den Eltern tatsächlich weitergegeben werden an die „Kinder“. Im Endeffekt ist es ein Glücksspiel, ob die eine oder andere Eigenschaft tatsächlich im neuen Sämling vorhanden ist oder nicht. „Gut Ding will Weile haben“ – ein sehr treffender Ausspruch im Zusammenhang mit der Züchtungsarbeit für Obstsorten. Denn nach der Auswahl der geeigneten Eltern und der Bestäubung der Blüten geht die Arbeit erst richtig los. Die aus den bestäubten Blüten entstandenen Samen werden ausgesät und die Pflanzen werden in den nächsten Jahren intensiv beobachtet. Krankheitsanfällige Pflanzen und Pflanzen mit Früchten, die den Anforderungen nicht entsprechen, werden aussortiert – übrig bleiben meist nur eine Hand voll Favoriten, die über viele Jahre weiter beobachtet und auf ihre Anbaueignung geprüft werden. Nach dieser langen Zeit kristallisiert sich häufig nur eine einzige Sorte heraus, die dann tatsächlich vermehrt und auf den Markt gebracht wird. Denn neben den gesetzten Zuchtzielen sollen auch alle anderen Merkmale stimmen, wie die Fruchtgröße, Qualität, Lagerfähigkeit, etc.

Das sind einige unserer Auswahlkriterien für Obstneuheiten im Überblick:

– Geschmack der Früchte – Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten und Schädlingen

– Form und Grüße der Früchte

– Reifezeit

– Höhe und Regelmäßigkeit des Ertrags

– Wuchsstärke und -charakter des Baumes

– Frosthärte des Holzes und der Blüte

– Lager- und Transportfähigkeit

– Eignung für den Frischverzehr und zur Weiterverarbeitung im privaten „Hobby“-Bereich und für die „Profis“ im Erwerbsobstbau (z.B. für Saft, Mus, Trockenobst, Brände)

– Gehalt der Früchte an gesundheitsfördernden Bestandteilen (z.B. Vitaminen)

Zusammenfassend kann man grob sagen, dass ab dem Zeitpunkt der Kreuzung bis eine neue Sorte dann tatsächlich auf den Markt kommt, häufig bis zu 20 Jahre vergehen.

 

Worauf legt die Artevos GmbH bei Obstneuheiten besonders wert?

Artevos setzt auf den guten Geschmack

Sabine Fey Unsere Neuheiten zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie Eigenschaften haben, die nicht unbedingt im Supermarkt zu finden sind oder die für den Hobbygärtner eine Verbesserung zu bereits vorhandenen Sorten bringen. Ich denke hier beispielsweise an eine besondere Streifung wie die der Apfelsorte Karneval[S] oder an die Süßkirsche Swing[R], die zwei klassische Probleme im Privatgarten löst: durch die frühe Reifezeit wird sie nicht von der Kirschfruchtfliege befallen und sie ist selbstfruchtbar, was den Vorteil hat, dass man keinen zweiten Kirschbaum im Garten braucht.

 

Das sind beispielsweise Kriterien, die für uns ausschlaggebend sind, um uns für Sorten zu entscheiden und zu sagen: Diese Sorte hat so viele Vorteile, dass sie dem Verbraucher oder dem Obstbauern einen Nutzen bringen kann. All dem steht aber für uns übergeordnet der Geschmack. Deswegen lautet auch bewusst unser Claim „Flavour First“. Wir sehen, dass im Su-permarkt viele Sorten existieren, die „nur noch schön sind“, weil der Verbraucher nun einmal nach Optik kauft. Wir arbeiten viel mit Direktvermarktern zusammen, da ist das Aussehen zwar auch wichtig, aber es steht nicht im Vordergrund, sondern wichtiger ist hier der Geschmack, über den der Direktvermarkter Kunden an sich binden kann, die dann zur Stammkundschaft werden, weil sie nach dieser speziellen Obstsorte fragen. Gleiches gilt für den Hobbybereich – das Obst, das ich im eigenen Garten ernte, soll vor allem gut schmecken. Unser Ziel ist es durch die Obstneuheiten neue Geschmackserlebnisse zu schaffen, deswegen – Flavour First!

 

Wo entstehen die Obstneuheiten?

Kooperationspartner der Artevos GmbH: Züchter & Versuchsanstalten

Sabine Fey Um das klarzustellen, wir züchten nicht selbst. Wir sind die Partner der Züchter, deren Sorten wir auf Anbau- und Vermarktungsfähigkeit prüfen und diese bei positiver Bewertung auf den Markt bringen. Da gibt es verschiedene Modelle. Wir arbeiten mit Züchtungsinstituten zusammen, die wir auch finanziell bei der Züchtungsarbeit unterstützen und die wir dann auch teilweise exklusiv vertreten. Es gibt Züchter, die es vorziehen ihre Sorten auszuschreiben, aber auch hier prüfen wir die Sorten grundsätzlich immer erst einmal selbst auf Herz und Nieren, also wir verlassen uns nie auf irgendwelche Beschreibungen Dritter. Erst wenn wir von der Züchtung überzeugt sind, dann nehmen wir tatsächlich auch an einer solchen Ausschreibung teil. Wir haben auch diverse Privatzüchter, die sich direkt an uns wenden. Die Züchter sitzen weltweit verteilt – wir arbeiten mit deutschen und europäischen Züchtern und Instituten zusammen sowie auch mit Züchtern außerhalb von Europa.

 

Wie viele Obstneuheiten hat die Artevos GmbH im Sortiment?

Der lange Atem

Sabine Fey Aus 13 verschiedenen Obstarten – Äpfel, Birnen, Quitten, Aprikosen / interspezifische Hybriden, Süß- und Sauerkirschen, einer Mandel, Mirabellen, Pfirsiche/Nektarinen, Pflaumen/Zwetschen/Renekloden, Himbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren – haben wir inzwischen insgesamt rd. 120 verschiedene Obstsorten im Sortiment. Das ist das Ergebnis unserer Arbeit aus 25 Jahren, wobei die eigentliche Züchtungsarbeit dieser Sorten bereits viel früher begonnen hat. Also da sind auch Sorten dabei, die mittlerweile 25 Jahre auf dem Markt sind und das ist für Obst trotzdem immer noch relativ neu. Zum Beispiel die Apfelsorte Pinova[S] haben wir jetzt ungefähr 25 Jahre in Bewirtschaftung, das heißt, die ersten Kreuzungen sind wahrscheinlich so ungefähr vor 45 Jahren entstanden, da braucht man einen langen Atem.

 

Wie ist die Artevos GmbH entstanden?

Kooperationsvorteil: Gemeinschaft

Sabine Fey Die beiden Vorgänger-Firmen von Artevos waren die Artus und die Gevo Group, die beide in den 90er Jahren gegründet worden sind. Artevos ist 2010 aus der Fusion der beiden Firmen hervor-gegangen. Der Gründungsanlass für die beiden Firmen damals war ganz klar das Interesse der Gründer Zugriff auf neue Sorten zu bekommen, um einfach den eigenen Kunden, den Obstbaubetrieben, gute Sorten anbieten zu können. Man kann als Einzelbetrieb diesen Aufwand nicht leisten, zu den Züchtern zu fahren, den Kontakt zu den Züchtern oder den Versuchsanstalten zu halten, die Sorten auf Herz und Nieren zu prüfen etc.. Daher haben sich Unternehmen, die ei-gentlich Konkurrenten sind, zusammengetan, um diese Aufgabe gemeinsam zu bewältigen. Die Artevos GmbH bildet heute einen Zusammenschluss aus 15 Gesellschaftern – Baumschulen und Obstbaubetrieben – aus Deutschland und der Schweiz. 2016 haben wir für diese Art der Unternehmenskooperation sogar einen Taspo Award gewonnen. Also von der Grundidee ist es ei-gentlich die gemeinsame Stärke, gemeinsam Sortenrechte zu erhalten, da einzelne Baumschulen es viel schwerer haben Lizenzverträge von großen Züchtern zu erhalten, als wenn wir als Artevos GmbH vereint dort auftreten mit 15 Gesellschafter und vielen Lizenznehmer im Gepäck. Das ist einfach die Gemeinsamkeit, die stark macht.

 

Was ist also konkret die Aufgabe der Artevos GmbH?

Das Geschäftsmodell

Sabine Fey Die Artevos GmbH hat keine eigene Produktion. Wir produzieren keine Pflanzen, wir produzieren kein Obst, wir haben auch keine eigenen Obstanlagen oder Versuchsanlagen, sondern wir sind ausschließlich das Bindeglied zu den Züchtern, deren Interessen wir vertreten und den Prüf-standorten, die gemeinsam mit uns die Sortenprüfungen durchführen. Und bei Einführung einer Sorte zu den Baumschulen, die die Pflanzen der neuen Sorten für Obstbaubetriebe (Produktion und Vermarktung der Früchte) – oder Gartencenter (Verkauf der Bäume für die Privatnutzung im Hobbygarten) – vermehren. Das heißt, die Artevos GmbH hat tatsächlich nur eine Organisations-funktion mit einem kleinen Team, das in Freiburg sitzt. Konkret sieht das so aus: Wir fahren zu Züchtern/Versuchsanstalten und schauen uns die Sorten vor Ort an. Wenn wir dort interessante Züchtungen sehen, dann lassen wir davon erst einmal ein paar Testbäume vermehren. Diese werden im ersten Schritt dann bei unseren Gesellschaftern gepflanzt. Unter ihnen haben wir z.B. einen Spezialisten für die Äpfel oder einen für die Zwetschen etc.. Wenn die Sorten positiv auffallen, dann werden davon noch einmal Bäume vermehrt und diese werden dann breit gestreut, also an Versuchsanstalten, teilweise auch schon an Praxisbetriebe, um auch von dort ein Feedback zu bekommen, wie sich die Sorte in verschiedenen klimatischen Bereichen verhält und wie sie im Praxistest funktioniert. Das dauert in der Regel noch einmal mindestens vier bis fünf Ertragsjahre, bis wir da wirklich belastbare Rückläufe haben. Dabei koordinieren wir die Prüfung und sammeln die Ergebnisse und schaffen dadurch eine Grundlage, damit die Gesellschaft auf dieser Basis dann tatsächlich eine Entschei-dung treffen kann, ob diese Sorte von der Artevos GmbH vermarktet werden soll oder nicht. Wenn die Gesellschaft eine Markteinführung beschließt, dann übernehmen wir die administra-tiven Aufgaben. Wir schließen einen Lizenzvertrag mit dem Züchter und melden für die Sorte Sortenschutz an – das ist eine Art „Patent für Pflanzen“. Eine Sortenschutzprüfung dauert in der Regel auch noch einmal drei, vier oder sogar fünf Jahre. Wenn der Sortenschutz erteilt ist, dann darf niemand außer dem Züchter, der ja der Eigentümer der Sorte ist, Pflanzen dieser Sorte vermehren. Unser Geschäftsmodell beruht im Endeffekt genau darauf, dass wir dann für die Vermehrungsrechte eine Lizenzgebühr erheben, das heißt jede Baumschule, die Bäume oder Pflanzen vermehren möchte, muss vorher bei uns einen Lizenzvertrag unterzeichnen. Dafür bekommt die Baumschule dann das Recht die Bäume zu vermehren und an einen Obstbaubetrieb oder an ein Gartencenter zu verkaufen. Aus den Lizenzgebühren wiederum refinanzieren wir die Züchtungsarbeit beim Züchter, das Marketing für die Sorteneinführung und wir refinanzieren die gesamte Verwaltung sowie den Sortenschutz an sich.

 

Für wen sind Obstneuheiten geeignet?

Obstneuheiten sind für Jedermann

Sabine Fey Dadurch, dass wir nach widerstandsfähigen Sorten suchen, die aromatisch interessant sind, sind die Obstneuheiten natürlich nicht nur für den professionellen Obstbauern interessant, sondern auch für jeden Hobbygärtner. Die „Hobbysorten“ werden genauso auf Herz und Niere geprüft wie alle anderen Sorten für den professionellen Obstbau. Manche Sorten sind aber beispielsweise nicht so gut lagerfähig, das wäre ein Kriterium, weswegen sie für den Erwerbsobstbau ausscheiden, aber für den Hobbybereich, wenn alles andere stimmt, durchaus interessant sein könnten. Oder andere Wuchsformen. Gerade für den Hobbybereich sind Säulenobstsorten oder das Zwergobst interessant, die für den Erwerbsobstbau völlig irrelevant sind. Sie entstanden irgendwann einmal als Mutation. Inzwischen arbeiten Züchter gezielt an diesen Nebenprodukten, um für die spezielle Situation in den Hobbygärten eine Lösung zu finden, bei immer kleiner werden Gärten, bei nur noch vorhandener Terrasse oder Balkon oder ähnlichem. Damit auch der Hobbygärtner sein Obst zu Hause selbst anbauen kann oder zumindest eine kleine Menge „zum Naschen“ hat. Damit die Kinder sehen, dass aus einer Blüte an einem Baum eine Frucht wächst, die sie dann ernten und essen können.

 

Woher bekommt man das Pflanzenmaterial für die Artevos Obstneuheiten?

Sabine Fey Wir arbeiten in Europa mit rd. 220 Baumschulen zusammen, die Pflanzen der von uns bewirtschafteten Sorten vermehren. In unserer Anbieterdatenbank auf unserer Internetseite werden diese Anbieter aufgelistet. Nutzer können entweder bei einer konkreten Sorte die jeweiligen Anbieter suchen oder in unserer Anbieterdatenbank Produzenten in der Nähe suchen.

 

Sie suchen weitere Infos zum Thema Pflanzenzüchtung?

Hier finden Sie die Informationsbroschüre der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) als kostenlosen Download: „Größer – schöner – gesünder? Pflanzenzüchtung heute“